Die Union unter Friedrich Merz
Brandmauer, Schuldenbremse und die neue Rhetorik der Verantwortung
Mit dem Amtsantritt Friedrich Merz’ als Bundeskanzler markiert die Union einen Einschnitt, der weniger durch programmatische Innovation als durch rhetorische Zuspitzung gekennzeichnet ist. Nach Jahren der strategischen Ambiguität präsentiert sich die CDU/CSU erneut als ordnungspolitische Kraft, die Klarheit, Disziplin und Abgrenzung verspricht. Zwei Begriffe strukturieren den politischen Kurs der Union seit 2025 in besonderer Weise: die „Brandmauer“ nach rechts und die strikte Verteidigung der Schuldenbremse. Beide fungieren als normative Leitplanken, beide werden als Ausdruck staatspolitischer Verantwortung inszeniert. Und beide werfen bei näherer Betrachtung Fragen nach politischer Substanz, gesellschaftlicher Wirkung und langfristiger Tragfähigkeit auf.
Friedrich Merz tritt an, um die Union aus dem Zustand strategischer Unentschiedenheit zu führen, der die Jahre nach Angela Merkel geprägt hatte. Sein Politikstil ist konfrontativer, sein Sprachgebrauch schärfer, seine Selbstverortung klarer. Die Union soll wieder erkennbar konservativ sein, wirtschaftsliberal im Kern, ordnungspolitisch strikt und kulturell abgrenzungsfähig. Diese Neujustierung richtet sich weniger gegen politische Mitbewerber im linken Spektrum als gegen die Alternative für Deutschland. Die sogenannte Brandmauer, also die kategorische Ablehnung jeder Zusammenarbeit mit der AfD, wird zum identitätsstiftenden Element der neuen Union erklärt.
Formal ist diese Position nicht neu. Bereits seit Jahren betont die CDU/CSU ihre Unvereinbarkeit mit der AfD. Unter Merz jedoch wird die Brandmauer rhetorisch aufgeladen und normativ absolut gesetzt. Sie dient nicht mehr nur der Abgrenzung, sondern der Selbstvergewisserung. Die Union definiert sich als letzte Bastion der politischen Mitte, als Garant demokratischer Stabilität gegen populistische Zumutungen. Diese Selbstbeschreibung ist anschlussfähig, aber sie ist auch bequem. Denn sie erlaubt es, politische Konflikte zu externalisieren und strukturelle Ursachen gesellschaftlicher Polarisierung auszublenden.
Die Brandmauer fungiert damit weniger als analytisches Instrument denn als moralische Setzung. Sie trennt das Sagbare vom Unsagbaren, das Legitime vom Illegitimen. In dieser Funktion stabilisiert sie das eigene Lager, verhindert aber zugleich eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den sozialen, ökonomischen und kulturellen Konflikten, aus denen der Erfolg der AfD resultiert. Die Union grenzt sich ab, ohne zwingend zu erklären, wie sie jene Wählerinnen und Wähler zurückgewinnen will, die sich vom politischen System entfremdet fühlen. Moralische Klarheit ersetzt politische Problembearbeitung.
Parallel dazu erhebt Friedrich Merz die Schuldenbremse erneut zum zentralen ordnungspolitischen Dogma. Spätestens seit den Krisenjahren der Pandemie und des Ukrainekriegs war ihre Stellung im politischen System umstritten. Notlagen, Sondervermögen und Ausnahmeregelungen hatten die fiskalische Architektur der Bundesrepublik flexibilisiert. Unter Merz jedoch kehrt die Union zu einer strikten Interpretation der Schuldenbremse zurück. Haushaltsdisziplin wird zur Voraussetzung politischer Glaubwürdigkeit erklärt, Verschuldung zum moralischen Risiko.
Auch hier dominiert eine normative Erzählung. Die Schuldenbremse erscheint nicht primär als fiskalisches Instrument, sondern als Ausdruck generationeller Verantwortung. Der Staat soll sich beschränken, um zukünftige Freiheit zu sichern. Diese Argumentation ist konsistent, aber sie abstrahiert von der veränderten Realität politischer Steuerung. Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung, Klimaschutz und Verteidigungsfähigkeit werden zwar rhetorisch anerkannt, praktisch jedoch in den engen Rahmen fiskalischer Orthodoxie gezwängt. Der Staat soll viel leisten, aber wenig ausgeben. Die daraus entstehenden Zielkonflikte werden selten offen benannt.
Die Verbindung von Brandmauer und Schuldenbremse ist dabei kein Zufall. Beide Konzepte folgen einer gemeinsamen Logik: Ordnung durch Begrenzung. Politisch wie fiskalisch setzt die Union auf klare Linien, auf Ausschluss statt Integration, auf Restriktion statt Flexibilität. Diese Haltung vermittelt Sicherheit in unsicheren Zeiten. Sie verspricht Orientierung in einer komplexen Welt. Doch sie birgt zugleich das Risiko politischer Verengung. Wo Grenzen absolut gesetzt werden, schrumpft der Raum für pragmatische Lösungen.
Gerade im Kontext des Jahres 2025 zeigt sich diese Spannung deutlich. Die Bundesrepublik steht vor tiefgreifenden Transformationsaufgaben. Der Umbau der Wirtschaft hin zu Klimaneutralität, die Sicherung industrieller Wettbewerbsfähigkeit, die Modernisierung staatlicher Infrastruktur und die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit erfordern langfristige Investitionen. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Druck durch steigende Lebenshaltungskosten, demografischen Wandel und migrationspolitische Herausforderungen. In dieser Lage wirkt die Rückkehr zu fiskalischer Strenge weniger wie verantwortungsvolle Vorsorge als wie politischer Rückzug.
Die Union argumentiert, dass wirtschaftliche Dynamik nicht durch staatliche Ausgaben, sondern durch marktwirtschaftliche Anreize entsteht. Private Investitionen sollen staatliche ersetzen, Effizienz soll Ausgaben begrenzen. Diese Logik ist klassisch, aber sie verkennt die strukturellen Bedingungen der Gegenwart. Viele der notwendigen Investitionen sind langfristig, risikobehaftet und nur begrenzt privatwirtschaftlich attraktiv. Ohne staatliche Vorleistung bleiben sie aus. Die Schuldenbremse wird so vom Instrument fiskalischer Disziplin zum Hemmnis politischer Gestaltung.
Ähnlich ambivalent ist die Wirkung der Brandmauer im politischen Alltag. Sie stabilisiert die Koalitionsfähigkeit der Union in Richtung politischer Mitte, verengt aber zugleich den parlamentarischen Handlungsspielraum. In ostdeutschen Bundesländern, in denen die AfD starke Ergebnisse erzielt, führt die strikte Abgrenzung zu komplexen Mehrheitskonstellationen und faktischer Blockade. Die Union steht vor dem Dilemma, demokratische Prinzipien zu verteidigen und zugleich regierungsfähig zu bleiben. Die Antwort darauf bleibt bislang ausweichend.
Auffällig ist zudem, dass die Union unter Merz zwar scharfe Grenzen zieht, aber wenig positive Erzählungen entwickelt. Die Brandmauer definiert, wogegen man ist, die Schuldenbremse, was man nicht tun will. Was fehlt, ist ein kohärentes Zukunftsnarrativ, das über Ordnungspolitik hinausreicht. Die Union verwaltet Erwartungen, sie mobilisiert jedoch kaum Visionen. Stabilität wird erneut zur zentralen Kategorie erhoben, doch sie bleibt defensiv. Sie schützt den Status quo, statt Transformation aktiv zu gestalten.
In dieser Hinsicht knüpft die Union zwar an ein vertrautes Muster an, verschiebt jedoch dessen Akzent. Während frühere unionsgeführte Regierungen Wandel als Kontinuität inszenierten, betont die Merz-Union vor allem Begrenzung. Anpassung erscheint nicht mehr als strategische Notwendigkeit, sondern als potenzielles Risiko. Diese Verschiebung ist politisch erklärbar, aber sie ist gesellschaftlich folgenreich. In einer Zeit beschleunigten Wandels kann der Verweis auf Ordnung allein nicht überzeugen.
Die politische Wirkung dieser Strategie ist ambivalent. Kurzfristig stärkt sie die Profilierung der Union. Sie erscheint klarer, entschlossener, weniger taktierend. Langfristig jedoch droht eine Entkopplung von gesellschaftlichen Realitäten. Wer soziale Konflikte primär moralisch rahmt und ökonomische Herausforderungen fiskalisch einhegt, reduziert Politik auf Verwaltung von Grenzen. Demokratie wird dann weniger zum Raum der Aushandlung als zum System der Disziplinierung.
Gerade hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung für die Union unter Friedrich Merz. Verantwortung lässt sich nicht dauerhaft durch Verweigerung definieren. Weder die Abgrenzung nach rechts noch die Begrenzung staatlicher Ausgaben ersetzen eine aktive politische Gestaltung. Brandmauer und Schuldenbremse sind Instrumente, keine Ziele. Werden sie zum Selbstzweck erhoben, verlieren sie ihre legitimierende Kraft.
Die zentrale Frage für die kommenden Jahre lautet daher, ob die Union bereit ist, ihre normativen Setzungen mit politischer Offenheit zu verbinden. Eine glaubwürdige Verteidigung der Demokratie erfordert mehr als moralische Distanzierung. Sie verlangt soziale Integration, wirtschaftliche Teilhabe und transparente Konfliktbearbeitung. Eine verantwortungsvolle Haushaltspolitik wiederum muss zwischen Konsum und Investition unterscheiden, zwischen kurzfristiger Entlastung und langfristiger Vorsorge.
Friedrich Merz steht damit vor einem klassischen unionspolitischen Paradox. Er will Ordnung schaffen in einer Zeit, die nach Bewegung verlangt. Er setzt auf Begrenzung in einer Situation struktureller Überforderung. Ob diese Strategie trägt, hängt davon ab, ob es der Union gelingt, ihre Prinzipien in eine konstruktive Erzählung zu übersetzen. Stabilität darf nicht zum Stillstand werden, Verantwortung nicht zur Ausrede für politische Passivität.
Die Union hat in ihrer Geschichte immer dann überzeugt, wenn sie Anpassung nicht verleugnete, sondern moderierte. Unter Merz droht sie, Anpassung zu problematisieren, statt sie zu gestalten. Brandmauer und Schuldenbremse sind Ausdruck eines legitimen Ordnungsanspruchs. Doch ohne eine offensive politische Vision bleiben sie defensiv. Die Frage ist nicht, ob Grenzen notwendig sind, sondern ob sie von einer Idee der Zukunft getragen werden. An dieser Frage wird sich entscheiden, ob die Union auch unter den Bedingungen der Gegenwart mehr ist als ein Verwalter der Vergangenheit.
Danke für Ihre Zeit.
Der Polit-Philosoph
Die Union unter Friedrich Merz
Veröffentlicht am 06.02.2026
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