Europa, Russland und die Illusion der Ordnung
Ich gebe es zu: Auch ich habe lange geglaubt. Glaubt an die Macht des Handels, an den Frieden, der durch Verträge wachsen sollte wie Efeu an einer alten, verwitterten Mauer. Ich hoffte, dass jede neue Vereinbarung, jede Pipeline, die den Osten mit dem Westen verband, eine weitere Naht im Gewebe der Zivilisation schlösse. Doch wir haben übersehen, was vielleicht nie zu übersehen war: Handel ist kein Therapeut, und Verträge sind keine Friedensgarantie. Sie sind Werkzeuge – manchmal nützlich, oft trügerisch, und in den falschen Händen Fesseln.
Nach 1945 verkaufte die Bundesrepublik ihre Seele an eine Hoffnung: dass wirtschaftliche Verflechtung politische Vernunft gebiert. Dieses Dogma, geboren aus Trümmern und Schuld, wurde zum Glaubensbekenntnis einer Generation, die vor allem eines wollte: Ruhe. Ruhe von Krieg, von Schuld, von der Unordnung der Welt. So klang das Mantra vom „Wandel durch Handel“ wie eine verheißungsvolle Melodie, deren Töne Sicherheit und Mäßigung versprachen. Es war nicht falsch, aber unvollständig. Denn wir haben es mit einem Gegner zu tun, der Handel nicht als Brücke, sondern als Hebel begreift.
Russland hat die europäische Schwäche studiert wie ein Schachmeister die Züge seines Gegners. Während wir uns auf Dialogrunden und Sonntagsreden verließen, rüstete der Kreml auf – nicht nur militärisch, sondern strategisch. Spätestens seit dem Zweiten Tschetschenienkrieg, spätestens seit Georgien, hätte uns klar sein müssen, dass hier nicht verhandelt, sondern vorbereitet wird. Doch wir redeten weiter. Weil Reden billig ist, vor allem, wenn es um Gaslieferungen geht.
Ich erinnere mich an die Jahre vor dem Überfall auf die Ukraine. In Berlin wurde doziert, diskutiert, diversifiziert – angeblich. In Wahrheit aber wurde ignoriert. Über fünfzig Prozent unseres Gases kamen 2021 aus Russland. Eine Abhängigkeit, die nur noch mit ideologischer Betriebsblindheit zu erklären ist. Während wir uns einredeten, Nord Stream sei ein wirtschaftliches Projekt, stand in Moskau längst fest: Diese Pipeline ist ein politisches Druckmittel. Wer glaubt, dass ein Regime, das Journalisten vergiftet und Oppositionelle einsperrt, sich durch Vertragstreue beeindrucken lässt, hat weder Russland noch Machtpolitik verstanden.
Die Wahrheit ist bitter: Wir haben zu lange in der Illusion gelebt, dass sich autoritäre Regime mit Kreditlinien, Business-Foren oder bilateralen Freundschaftsbesuchen zähmen lassen. Dabei war längst sichtbar, dass Russland eine imperialistische Agenda verfolgte. Der Kreml wollte nie ein Partner sein – er wollte Kontrolle. Und er bekam sie, weil wir ihm bereitwillig die Schlüssel überreichten. Der Westen, insbesondere Deutschland, hat sich mit offenen Augen in eine gefährliche Abhängigkeit begeben. Das war kein Betriebsunfall, das war Politikversagen mit Ansage. Der Bundesrechnungshof hat es 2022 auf den Punkt gebracht: Das Risiko war bekannt – gehandelt hat keiner.
Willy Brandt mag mit seiner Ostpolitik in den 1970ern etwas erreicht haben. Doch das heutige Russland ist nicht das sowjetische Politbüro. Es ist ein Machtapparat, der weder auf Verlässlichkeit noch auf Verständigung setzt, sondern auf das Spiel mit der Angst. Wer in dieser Lage auf Partnerschaft hofft, wird benutzt – nicht gehört. Und genau das ist geschehen. Aus naiver Hoffnung wurde stille Komplizenschaft.
Das Institut der deutschen Wirtschaft sprach später von einem „ökonomischen Sicherheitsrisiko“. Ein nüchterner Ausdruck, der nach Zahlen, Tabellen und Berechnungen klingt. In Wahrheit war es ein Verrat an der europäischen Friedensidee. Wer einem autoritären Regime hilft, seine Kriegskasse zu füllen, trägt Mitverantwortung, wenn daraus Panzer werden. Der russische Überfall auf die Ukraine war nicht das jähe Ende einer Partnerschaft, sondern der traurige Höhepunkt einer Täuschung, an der wir selbst beteiligt waren.
Ich schreibe das nicht aus Zynismus. Ich schreibe es aus Enttäuschung. Aus jener tiefen Enttäuschung, die nur fühlen kann, wer einmal geglaubt hat. Vielleicht war mein Glaube an die Kraft des Dialogs westdeutsches Erbe, vielleicht einfach nur bequem. Doch jetzt ist klar: Diese Brücke führte nicht in eine bessere Zukunft. Sie führte in eine Falle.
Europa steht heute an einer Weggabelung. Die alte Gewissheit, dass Märkte Frieden bringen, liegt in Trümmern. Wir müssen neu lernen, Macht als Realität zu akzeptieren – nicht als Störung eines idyllischen Weltbilds. Wirtschaft darf kein Ersatz für Außenpolitik sein. Wo autoritäre Regime keine gemeinsamen Regeln anerkennen, helfen keine Verträge, keine Pipelines, kein Businessforum. Was es braucht, ist Klarheit im Kopf und Haltung im Handeln.
Die Illusion, dass Handel allein Sicherheit schafft, ist nicht neu. Schon in den 1990er Jahren, nach dem Fall der Mauer, schien die Welt sich in euphorischem Optimismus zu sonnen: Globalisierung, europäische Integration, friedlicher Wettbewerb – eine Ordnung, die wir selbst als universell gedachten. Wir nahmen an, dass wirtschaftliche Rationalität Grenzen und Ideologien überflüssig machen würde. Doch Machtpolitik ist selten rational im westlichen Sinne. Sie folgt eigenen Regeln, oft grausam, oft opportunistisch. Russland hat uns diese Lektion schmerzhaft erteilt.
Es geht hier nicht nur um Gas oder Pipelines. Es geht um das Prinzip, wie Europa in der Welt agiert: Glauben wir, dass das Gute sich von selbst durchsetzt, oder erkennen wir, dass Macht ein Faktor ist, der kalkuliert, kanalisiert und kontrolliert werden muss? Der Westen hat zu lange gehofft, dass moralische Argumente ausreichen. Die Realität zeigt: Moral wird selten honoriert, sie kann ignoriert, unterlaufen oder missbraucht werden. Wir müssen lernen, unsere Werte zu verteidigen, ohne uns in die Falle der Selbsttäuschung zu begeben.
Die Krise mit Russland hat uns gezwungen, die eigene politische Kultur zu reflektieren. Freiheit, Demokratie und Verantwortung sind nicht automatisch exportierbar, nur weil Märkte sie zu mögen scheinen. Diese Errungenschaften müssen aktiv verteidigt werden. Europa darf nicht länger der naive Optimist sein, der auf die Einsicht anderer hofft. Es muss der nüchterne Realist sein, der bereit ist, im Einklang mit seinen Prinzipien zu handeln.
Doch wie geht das? Europa muss die Sprache der Macht sprechen, nicht aus Lust an der Konfrontation, sondern aus Notwendigkeit. Es muss wirtschaftliche Interessen als politische Instrumente begreifen, Risiken erkennen und handeln, bevor sie unkontrollierbar werden. Es muss die geopolitische Dimension von Energie, Handel und Infrastruktur verstehen – und danach handeln. Wer glaubt, Märkte seien neutral, irrt. Sie sind Spiegel politischer Ordnungen, und wenn diese Ordnungen brechen, bricht auch der Markt.
Die Abhängigkeit von Russland hat gezeigt, dass wir Illusionen geopolitisch teuer bezahlen. Deutschland, wirtschaftlich stark und politisch einflussreich, musste erleben, wie eine jahrzehntelange Selbsttäuschung Verwundbarkeit erzeugt. Der Westen hat Russland als Partner behandelt, während es sich als Gegner vorbereitete. Wir haben auf Dialog gesetzt, während Druckmittel und Drohstrategien geschmiedet wurden. Wir haben geglaubt, dass Vernunft aus Handel erwächst, während Machtpolitik aus dem Schatten operierte.
Diese Erkenntnis wirft eine grundlegende Frage auf: Wie kann Europa eine eigenständige Außenpolitik gestalten, die nicht nur auf ökonomischen Interessen, sondern auf Prinzipien und Verantwortung gründet? Die Antwort ist unbequem: Sie erfordert die Akzeptanz von Macht, die Bereitschaft zu strategischem Denken und das Verständnis, dass Friedenswahrung kein Selbstläufer ist. Sie verlangt Handlungsfähigkeit, nicht rhetorische Beruhigung. Und sie verlangt Mut: den Mut, Abhängigkeiten zu reduzieren, Entscheidungen zu treffen, die kurzfristig unpopulär, langfristig aber entscheidend für Stabilität sind.
Wir müssen anerkennen, dass Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit keine Privilegien, sondern Verantwortung implizieren – sowohl für uns selbst als auch für unsere Nachbarn. Wer diese Verantwortung delegiert, delegiert zugleich Macht. Russland hat diese Leerstelle genutzt. Europa darf es nicht wieder zulassen. Die Lektion ist klar: Wer auf naiven Optimismus setzt, zahlt mit seiner Freiheit. Wer auf Realpolitik verzichtet, überlässt das Spielfeld anderen.
Es geht nicht um Provokation, sondern um Selbstschutz. Europa muss sich als Akteur verstehen, nicht als Zuschauer. Die Ukraine zeigt, dass Neutralität in der Welt der Machtpolitik eine Illusion ist. Wer nicht spricht, wird überstimmt. Wer nicht handelt, wird manipuliert. Die Märkte reagieren auf politische Ordnung, nicht auf Wunschdenken. Wir müssen die Bedingungen dieser Ordnung verstehen, um sie mitgestalten zu können.
Wir schulden es nicht nur der Ukraine. Wir schulden es uns selbst. Unsere Werte, unsere Freiheit, unsere Sicherheit – all das kann nur verteidigt werden, wenn wir die Mechanismen der Macht begreifen und danach handeln. Die naive Hoffnung, dass Handel Frieden bringt, war eine bequeme, aber gefährliche Illusion. Die Realität ist unnachgiebig: Wer sie ignoriert, zahlt einen hohen Preis.
Die Frage, die wir uns heute stellen müssen, lautet nicht, ob Europa handeln sollte, sondern wie es handeln kann. Dabei geht es nicht um aggressive Expansion, sondern um strategische Klarheit. Europa muss eine Position entwickeln, die wirtschaftliche Stärke, politische Entschlossenheit und moralische Verantwortung vereint. Es geht um das Gleichgewicht zwischen Prinzipien und Pragmatismus, zwischen Idealismus und Realpolitik.
Die Herausforderung ist gewaltig, die Lektionen hart, die Konsequenzen unvermeidlich. Wir stehen an einem historischen Wendepunkt. Der Westen kann sich entscheiden, die Realität zu akzeptieren und strategisch zu handeln – oder weiterhin in der Illusion verharren, dass Handel allein Frieden schafft. Die Wahl ist nicht bequem. Sie ist notwendig.
Ich habe lange gebraucht, das zu erkennen. Jetzt ist nicht die Zeit für späte Reue, sondern für entschlossenes Handeln. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verantwortungsübernahme. Europa muss sich der Realität stellen, um die Zukunft zu sichern. Wer das ignoriert, ignoriert nicht nur Russland, sondern auch die eigenen Werte, die eigene Freiheit, die eigene Geschichte.
Die Lektion ist bitter, aber unvermeidlich: Frieden ist keine automatische Folge wirtschaftlicher Integration. Sicherheit ist kein Produkt, das man kaufen kann. Sie ist das Ergebnis kluger Politik, klarer Strategien und mutiger Entscheidungen. Wer sich dieser Verantwortung entzieht, delegiert seine Zukunft an andere. Wer sie annimmt, schreibt Geschichte – nicht mit naiver Hoffnung, sondern mit bewusster Macht.
Europa hat die Chance, aus dieser Krise zu lernen. Die Lektion ist klar: Freiheit und Verantwortung sind untrennbar. Handel ist nützlich, aber niemals ausreichend. Dialog ist notwendig, aber niemals garantiert. Was zählt, ist die Bereitschaft, Macht zu verstehen, Macht zu nutzen und Macht zu begrenzen. Das ist die Voraussetzung, um nicht nur zu überleben, sondern eine Zukunft zu gestalten, die auf Prinzipien beruht und nicht auf Illusionen.
Wir stehen heute an der Schwelle zu einer neuen Weltordnung – nicht, weil die Welt sich verändert hat, sondern weil wir gezwungen sind, sie in ihrer ganzen Härte zu erkennen. Russland ist kein Partner, es ist ein Gegner. Handel ist kein Therapeut, er ist ein Mittel zum Zweck. Europa ist nicht unverwundbar, es ist lernfähig. Wer das begreift, kann handeln. Wer es ignoriert, wird geopolitisch überrollt.
Und handeln müssen wir – entschieden, klar und konsequent. Nicht aus Lust an der Konfrontation, sondern aus Notwendigkeit. Nicht aus Zorn, sondern aus Verantwortung. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Vernunft. Wer diese Lektion annimmt, handelt nicht nur für die Ukraine, nicht nur für Europa, sondern für die Idee einer Welt, in der Freiheit und Verantwortung nicht nur Worte, sondern Prinzipien sind.
Wir dürfen diese Lektion nicht verschieben. Wir dürfen sie nicht verhandeln. Wir dürfen sie nicht ignorieren. Sie ist die Bedingung für das Überleben unserer Werte, unserer Gesellschaft, unserer Freiheit. Europa muss jetzt lernen, die Sprache der Macht zu sprechen – klar, nüchtern, entschlossen.
Die Märkte sind Spiegel politischer Ordnung. Die Politik ist Spiegel unserer Verantwortung. Wer das versteht, kann handeln. Wer es ignoriert, wird handeln müssen – unter den Bedingungen anderer.
Europa hat die Wahl. Die Geschichte wartet nicht.
Danke für Ihre Zeit.
Der Polit-Philosoph
Europa, Russland und die Illusion der Ordnung – Aktueller den je.
Veröffentlicht am 30.01.2026
Passende Bücher zum Thema
Politiktheater Deutschland – Vorhang auf
Politik, Freiheit und der Preis der Anpassung
Details ansehen
EUROPA 2040 – wenn Vernunft nicht mehr reicht
Die EU – Luxusraddampfer im Sturm der Geschichte
Details ansehen