Europa, Russland und die Illusion der Ordnung – Aktueller den je.

Veröffentlicht am 30.01.2026
Europa, Russland und die Illusion der Ordnung
Ich gebe es zu: Auch ich habe lange geglaubt. Glaubt an die Macht des Handels, an den Frieden, der durch Verträge wachsen sollte wie Efeu an einer alten, verwitterten Mauer. Ich hoffte, dass jede neue Vereinba­rung, jede Pipeline, die den Osten mit dem Westen verband, eine wei­tere Naht im Gewebe der Zivilisation schlösse. Doch wir haben über­sehen, was vielleicht nie zu überse­hen war: Handel ist kein Therapeut, und Verträge sind keine Frie­densgarantie. Sie sind Werkzeuge – manchmal nützlich, oft trüge­risch, und in den falschen Händen Fes­seln.
Nach 1945 verkaufte die Bundesrepublik ihre Seele an eine Hoffnung: dass wirtschaftliche Verflechtung politische Vernunft gebiert. Dieses Dogma, geboren aus Trümmern und Schuld, wur­de zum Glaubensbe­kenntnis einer Generation, die vor allem eines wollte: Ruhe. Ruhe von Krieg, von Schuld, von der Unordnung der Welt. So klang das Mantra vom „Wandel durch Handel“ wie eine verheißungsvolle Melodie, de­ren Töne Sicherheit und Mäßi­gung versprachen. Es war nicht falsch, aber unvollständig. Denn wir haben es mit einem Gegner zu tun, der Handel nicht als Brü­cke, sondern als Hebel begreift.
Russland hat die europäische Schwäche studiert wie ein Schachmeis­ter die Züge seines Gegners. Während wir uns auf Dialogrunden und Sonntagsreden verließen, rüstete der Kreml auf – nicht nur militärisch, sondern strategisch. Spätestens seit dem Zweiten Tschetschenienkrieg, spätestens seit Georgien, hätte uns klar sein müssen, dass hier nicht verhandelt, sondern vorbereitet wird. Doch wir redeten weiter. Weil Reden billig ist, vor allem, wenn es um Gaslieferungen geht.
Ich erinnere mich an die Jahre vor dem Überfall auf die Ukrai­ne. In Berlin wurde doziert, diskutiert, diversifiziert – angeblich. In Wahrheit aber wurde ignoriert. Über fünfzig Prozent unseres Gases kamen 2021 aus Russland. Eine Abhängigkeit, die nur noch mit ideologischer Be­triebsblindheit zu erklären ist. Während wir uns einredeten, Nord Stream sei ein wirtschaftliches Projekt, stand in Moskau längst fest: Diese Pipeline ist ein politisches Druckmit­tel. Wer glaubt, dass ein Re­gime, das Journalisten vergiftet und Oppositionelle einsperrt, sich durch Vertragstreue beeindrucken lässt, hat weder Russland noch Machtpolitik verstanden.
Die Wahrheit ist bitter: Wir haben zu lange in der Illusion ge­lebt, dass sich autoritäre Regime mit Kreditlinien, Business-Foren oder bilatera­len Freundschaftsbesuchen zähmen lassen. Dabei war längst sichtbar, dass Russland eine imperialistische Agenda ver­folgte. Der Kreml wollte nie ein Partner sein – er wollte Kontrol­le. Und er bekam sie, weil wir ihm bereitwillig die Schlüssel über­reichten. Der Westen, ins­besondere Deutschland, hat sich mit of­fenen Augen in eine gefährliche Abhängigkeit begeben. Das war kein Betriebsunfall, das war Politik­versagen mit Ansage. Der Bundesrechnungshof hat es 2022 auf den Punkt gebracht: Das Ri­siko war bekannt – gehandelt hat keiner.
Willy Brandt mag mit seiner Ostpolitik in den 1970ern etwas erreicht haben. Doch das heutige Russland ist nicht das sowjeti­sche Politbüro. Es ist ein Machtapparat, der weder auf Verlässlich­keit noch auf Ver­ständigung setzt, sondern auf das Spiel mit der Angst. Wer in dieser Lage auf Partnerschaft hofft, wird benutzt – nicht gehört. Und genau das ist geschehen. Aus naiver Hoffnung wurde stille Komplizenschaft.
Das Institut der deutschen Wirtschaft sprach später von einem „ökono­mischen Sicherheitsrisiko“. Ein nüchterner Ausdruck, der nach Zah­len, Tabellen und Berechnungen klingt. In Wahrheit war es ein Verrat an der europäischen Friedensidee. Wer einem autori­tären Regime hilft, seine Kriegskasse zu füllen, trägt Mitverant­wortung, wenn daraus Panzer werden. Der russische Überfall auf die Ukraine war nicht das jähe Ende einer Partnerschaft, sondern der traurige Höhepunkt einer Täuschung, an der wir selbst betei­ligt waren.
Ich schreibe das nicht aus Zynismus. Ich schreibe es aus Enttäu­schung. Aus jener tiefen Enttäuschung, die nur fühlen kann, wer ein­mal geglaubt hat. Vielleicht war mein Glaube an die Kraft des Dialogs westdeutsches Erbe, vielleicht einfach nur bequem. Doch jetzt ist klar: Diese Brücke führte nicht in eine bessere Zu­kunft. Sie führte in eine Falle.
Europa steht heute an einer Weggabelung. Die alte Gewissheit, dass Märkte Frieden bringen, liegt in Trümmern. Wir müssen neu lernen, Macht als Realität zu akzeptieren – nicht als Störung eines idyllischen Weltbilds. Wirtschaft darf kein Ersatz für Außenpolitik sein. Wo auto­ritäre Regime keine gemeinsamen Regeln anerken­nen, helfen keine Verträge, keine Pipelines, kein Businessforum. Was es braucht, ist Klarheit im Kopf und Haltung im Handeln.
Die Illusion, dass Handel allein Sicherheit schafft, ist nicht neu. Schon in den 1990er Jahren, nach dem Fall der Mauer, schien die Welt sich in euphorischem Optimismus zu sonnen: Globalisie­rung, europäische Integration, friedlicher Wettbewerb – eine Ord­nung, die wir selbst als universell gedachten. Wir nahmen an, dass wirtschaftliche Rationalität Grenzen und Ideologien überflüssig machen würde. Doch Machtpoli­tik ist selten rational im westli­chen Sinne. Sie folgt eigenen Regeln, oft grausam, oft opportunis­tisch. Russland hat uns diese Lektion schmerzhaft er­teilt.
Es geht hier nicht nur um Gas oder Pipelines. Es geht um das Prinzip, wie Europa in der Welt agiert: Glauben wir, dass das Gute sich von selbst durchsetzt, oder erkennen wir, dass Macht ein Fak­tor ist, der kalkuliert, kanalisiert und kontrolliert werden muss? Der Westen hat zu lange gehofft, dass moralische Argumente aus­reichen. Die Realität zeigt: Moral wird selten honoriert, sie kann ignoriert, unterlaufen oder missbraucht werden. Wir müssen ler­nen, unsere Werte zu verteidigen, ohne uns in die Falle der Selbst­täuschung zu begeben.
Die Krise mit Russland hat uns gezwungen, die eigene politi­sche Kul­tur zu reflektieren. Freiheit, Demokratie und Verantwor­tung sind nicht automatisch exportierbar, nur weil Märkte sie zu mögen scheinen. Diese Errungenschaften müssen aktiv verteidigt werden. Europa darf nicht länger der naive Optimist sein, der auf die Einsicht anderer hofft. Es muss der nüchterne Realist sein, der bereit ist, im Einklang mit sei­nen Prinzipien zu handeln.
Doch wie geht das? Europa muss die Sprache der Macht spre­chen, nicht aus Lust an der Konfrontation, sondern aus Notwen­digkeit. Es muss wirtschaftliche Interessen als politische Instru­mente begreifen, Risiken erkennen und handeln, bevor sie unkon­trollierbar werden. Es muss die geopolitische Dimension von Energie, Handel und Infra­struktur verstehen – und danach han­deln. Wer glaubt, Märkte seien neutral, irrt. Sie sind Spiegel poli­tischer Ordnungen, und wenn diese Ordnungen brechen, bricht auch der Markt.
Die Abhängigkeit von Russland hat gezeigt, dass wir Illusionen geo­politisch teuer bezahlen. Deutschland, wirtschaftlich stark und poli­tisch einflussreich, musste erleben, wie eine jahrzehntelange Selbst­täuschung Verwundbarkeit erzeugt. Der Westen hat Russ­land als Part­ner behandelt, während es sich als Gegner vorbereite­te. Wir haben auf Dialog gesetzt, während Druckmittel und Droh­strategien geschmiedet wurden. Wir haben geglaubt, dass Ver­nunft aus Handel erwächst, wäh­rend Machtpolitik aus dem Schat­ten operierte.
Diese Erkenntnis wirft eine grundlegende Frage auf: Wie kann Europa eine eigenständige Außenpolitik gestalten, die nicht nur auf ökonomi­schen Interessen, sondern auf Prinzipien und Verant­wortung gründet? Die Antwort ist unbequem: Sie erfordert die Akzeptanz von Macht, die Bereitschaft zu strategischem Denken und das Verständnis, dass Friedenswahrung kein Selbstläufer ist. Sie verlangt Handlungsfähig­keit, nicht rhetorische Beruhigung. Und sie verlangt Mut: den Mut, Abhängigkeiten zu reduzieren, Entscheidungen zu treffen, die kurz­fristig unpopulär, langfristig aber entscheidend für Stabilität sind.
Wir müssen anerkennen, dass Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat­lichkeit keine Privilegien, sondern Verantwortung im­plizieren – so­wohl für uns selbst als auch für unsere Nachbarn. Wer diese Verant­wortung delegiert, delegiert zugleich Macht. Russland hat diese Leer­stelle genutzt. Europa darf es nicht wieder zulassen. Die Lektion ist klar: Wer auf naiven Optimismus setzt, zahlt mit seiner Freiheit. Wer auf Realpolitik verzichtet, überlässt das Spielfeld anderen.
Es geht nicht um Provokation, sondern um Selbstschutz. Euro­pa muss sich als Akteur verstehen, nicht als Zuschauer. Die Ukrai­ne zeigt, dass Neutralität in der Welt der Machtpolitik eine Illusi­on ist. Wer nicht spricht, wird überstimmt. Wer nicht handelt, wird manipuliert. Die Märkte reagieren auf politische Ordnung, nicht auf Wunschdenken. Wir müssen die Bedingungen dieser Ordnung verstehen, um sie mitge­stalten zu können.
Wir schulden es nicht nur der Ukraine. Wir schulden es uns selbst. Un­sere Werte, unsere Freiheit, unsere Sicherheit – all das kann nur vertei­digt werden, wenn wir die Mechanismen der Macht begreifen und da­nach handeln. Die naive Hoffnung, dass Handel Frieden bringt, war eine bequeme, aber gefährliche Illusi­on. Die Realität ist unnachgiebig: Wer sie ignoriert, zahlt einen hohen Preis.
Die Frage, die wir uns heute stellen müssen, lautet nicht, ob Europa handeln sollte, sondern wie es handeln kann. Dabei geht es nicht um aggressive Expansion, sondern um strategische Klar­heit. Europa muss eine Position entwickeln, die wirtschaftliche Stärke, politische Ent­schlossenheit und moralische Verantwortung vereint. Es geht um das Gleichgewicht zwischen Prinzipien und Pragmatismus, zwischen Idea­lismus und Realpolitik.
Die Herausforderung ist gewaltig, die Lektionen hart, die Konsequen­zen unvermeidlich. Wir stehen an einem historischen Wendepunkt. Der Westen kann sich entscheiden, die Realität zu akzeptieren und strategisch zu handeln – oder weiterhin in der Il­lusion verharren, dass Handel allein Frieden schafft. Die Wahl ist nicht bequem. Sie ist not­wendig.
Ich habe lange gebraucht, das zu erkennen. Jetzt ist nicht die Zeit für späte Reue, sondern für entschlossenes Handeln. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verantwortungsüber­nahme. Europa muss sich der Realität stellen, um die Zukunft zu sichern. Wer das ignoriert, ignoriert nicht nur Russland, sondern auch die eigenen Wer­te, die eigene Freiheit, die eigene Geschich­te.
Die Lektion ist bitter, aber unvermeidlich: Frieden ist keine automati­sche Folge wirtschaftlicher Integration. Sicherheit ist kein Produkt, das man kaufen kann. Sie ist das Ergebnis kluger Politik, klarer Strate­gien und mutiger Entscheidungen. Wer sich dieser Verantwortung ent­zieht, delegiert seine Zukunft an andere. Wer sie annimmt, schreibt Geschichte – nicht mit naiver Hoff­nung, sondern mit bewusster Macht.
Europa hat die Chance, aus dieser Krise zu lernen. Die Lektion ist klar: Freiheit und Verantwortung sind untrennbar. Handel ist nützlich, aber niemals ausreichend. Dialog ist notwendig, aber niemals garan­tiert. Was zählt, ist die Bereitschaft, Macht zu ver­stehen, Macht zu nutzen und Macht zu begrenzen. Das ist die Vor­aussetzung, um nicht nur zu überleben, sondern eine Zukunft zu gestalten, die auf Prinzipi­en beruht und nicht auf Illusionen.
Wir stehen heute an der Schwelle zu einer neuen Weltordnung – nicht, weil die Welt sich verändert hat, sondern weil wir ge­zwungen sind, sie in ihrer ganzen Härte zu erkennen. Russland ist kein Partner, es ist ein Gegner. Handel ist kein Therapeut, er ist ein Mittel zum Zweck. Euro­pa ist nicht unverwundbar, es ist lern­fähig. Wer das begreift, kann han­deln. Wer es ignoriert, wird geo­politisch überrollt.
Und handeln müssen wir – entschieden, klar und konsequent. Nicht aus Lust an der Konfrontation, sondern aus Notwendigkeit. Nicht aus Zorn, sondern aus Verantwortung. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Vernunft. Wer diese Lektion annimmt, handelt nicht nur für die Ukrai­ne, nicht nur für Europa, sondern für die Idee ei­ner Welt, in der Frei­heit und Verantwortung nicht nur Worte, son­dern Prinzipien sind.
Wir dürfen diese Lektion nicht verschieben. Wir dürfen sie nicht ver­handeln. Wir dürfen sie nicht ignorieren. Sie ist die Bedingung für das Überleben unserer Werte, unserer Gesellschaft, unserer Freiheit. Euro­pa muss jetzt lernen, die Sprache der Macht zu sprechen – klar, nüch­tern, entschlossen.
Die Märkte sind Spiegel politischer Ordnung. Die Politik ist Spiegel unserer Verantwortung. Wer das versteht, kann handeln. Wer es igno­riert, wird handeln müssen – unter den Bedingungen anderer.

Europa hat die Wahl. Die Geschichte wartet nicht.

Danke für Ihre Zeit.
Der Polit-Philosoph

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